Die Musik in der Duschmord-Szene in PSYCHO

Die Duschmord-Szene in Psycho und ihre Musik

Die Duschmord-Szene – eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte

Am 31.01.2019 erschien die Psycho Legacy Collection bei Turbine Medien. Aus diesem Grund veröffentliche ich hier einen Auszug aus meiner Seminararbeit mit dem Titel „Herrmann – Hitchcock | A Partnership in Terror: Die Bedeutung von Bernard Herrmanns Musik für Vertigo, North By Northwest und Psycho“. Die Arbeit entstand für das Proseminar II: Alfred Hitchcock bei Dr. Rainer Hartl am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München. Darin untersuche ich die Duschmord-Szene im Hinblick auf die Verwendung der Musik.

Musikalischer Grundaufbau von Psycho

Deutsches Kinoplakat der Erstaufführung von PSYCHO

Psycho gilt sowohl für Hitchcock als auch für Herrmann als deren größter Erfolg. Einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Erfolg hatte Herrmanns Musik. Ursprünglich wollte Hitchcock aus Enttäuschung über das Gesamtergebnis den Film auf eine einstündige Episode für seine Fernsehserie „Alfred Hitchcock presents“ zusammenschneiden. Doch erst die Intervention des Komponisten konnte den Regisseur umstimmen. [1] Bernard Herrmanns Entscheidung, für die Vertonung des Films ausschließlich ein Streichorchester zu verwenden, war nicht nur bahnbrechend, „eine solche Instrumentierung, die freiwillig auf eine ungeheure Palette von Klangfarben verzichtete, galt damals, was die Filmmusik betraf, als einmalig.“[2]

Er verzichtete dadurch auch, auf bekannte und häufig verwendete musikalische Formeln in Suspense- oder Horrorfilmen zurückzugreifen.

Schwarzweiße Musik für schwarzweiße Kameraführung

Für viele Jahre wurde mit dem Klang der Violine hauptsächlich Wärme und romantische Gefühle assoziiert. Herrmann machte so deutlich, daß Violinen auch einen kalten und durchdringenden Klang erzeugen können.[3] Er erklärte später einmal, daß er die schwarzweiße Kameraführung durch eine schwarzweiße Musik ergänzen wollte.[4] Er entwickelte so eine weitgehend eigenständige Sprache, deren Hauptelemente bereits im „Prelude“ (also den Haupttiteln) etabliert werden.[5] 

Thomas Willmann nennt außerdem vier Hauptfunktionen der Musik in Psycho: Erstens die Erzeugung von Emotionen beim Zuschauer, sicherlich nichts ungewöhnliches und eigentlich die Aufgabe von Musik im Film schlechthin. Zweitens vermittelt die Musik dem Zuschauer Vorahnungen. Die dritte wesentliche Funktion besteht darin Assoziationen, die Hitchcock in den Bildern bereits angelegt hat, zu knüpfen und zu verstärken. Zuletzt soll die Musik Dinge vermitteln , die im Film unsichtbar bleiben müssen, weil man sie beispielsweise nicht zeigen darf.[6] Eine wichtige Beobachtung macht Royal S. Brown hinsichtlich der Musik und dem Bezug zur Realität:

Another way in which Psycho cuts its audience off from normal reality is by its total avoidance of ‚source‘ music. The absence of any music coming over a radio, phonograph, […] has the function of heightening the effect of the film-music convention, […] the appearance of any music tends to heighten expectations. [7]

Die Duschmord-Szene im Video:
Die Duschmord-Szene in PSYCHO (1960)

Die Duschmord-Szene

Diese wohl berühmteste und am häufigsten kopierte Szene eines Hitchcock-Films beginnt ähnlich wie in North By Northwest ohne Musik, als Marion Crane (Janet Leigh) Papierschnipsel in die Toilette wirft. Man hört Toilettenspülung sehr deutlich, diesunterstreicht Realismus der Szene. Der Zuschauer erhält musikalisch keine Andeutungen, daß gleich etwas Schlimmes passieren könnte. Dann duscht Marion, dabei hört man kontinuierlich die ‘normalen’ Umgebungsgeräusche (bzw. Toneffekte).

Kreischende Violinen erhöhen die Intensität

Der Musikeinsatz geschieht erst in dem Moment, als der Duschvorhang aufgezogen wird und der Mord beginnt. Aufgrund der Tatsache, daß man das Messer nie tatsächlich in den Körper eindringen sieht, ist die Musik notwendig, um die Brutalität dieser Szene zu unterstreichen. Thomas Willmann bestätigt dies:

Hitchcocks geniale Montage kann es sich ersparen zu zeigen, wie das Messer in den Körper eindringt, die Musik läßt den Zuschauer förmlich die Stiche spüren.  Es sind in dieser Szene zu einem großen Teil Herrmanns nervenaufreibende Klänge, die dazu führen, daß man schlimmere Bilder gesehen zu haben glaubt, als tatsächlich auf der Leinwand zu erblicken waren.[8]

Sie löst in diesem Fall nicht die Spannung, wie es in North By Northwest der Musikeinsatz tat, sondern sie unterstreicht noch äußerst intensiv die brutale Handlung. Die kreischenden Violinen erhöhen die Lautstärke und Intensität von Marion Cranes Schreien, sie spiegeln aber auch die Brutalität des Angreifers wieder, und so erreicht Herrmann mit einer höchst ungewöhnlichen und bis dato nicht bekannten Klangabfolge die Emotionen beider agierenden Personen musikalisch zum Ausdruck zu bringen. Dieses „Schreien“ oder „Kreischen“ der Violinen wurde oft als Vogelschreie fehlinterpretiert, so spricht Louis D. Gianetti fälschlicherweise davon, daß „In Hitchcock’s Psycho, the sound effects of shrill bird noises are used for transitions, for associations, for characterization, and for thematic purposes.“[9]

Alfred Hitchcock wollte die Duschszene eigentlich zuerst vollkommen ohne Musik belassen, da er mit Ihrer Wirkung nicht zufrieden war, doch Bernard Herrmann setzte sich, ganz seiner Natur, über die Anweisungen seines Regisseurs hinweg und komponierte eines der –aus damaliger Sicht– furchterregendsten Musikstücke, die je für einen Film komponiert wurden.[10]


Literaturverzeichnis

[1] Vgl. Smith, Steven C.: A Heart at Fire’s Center: The Life and Music of Bernard Herrmann. Berkeley und Los Angeles: University of California Press, 1991, S. 237.

[2] Willmann, Thomas: Shrill Music Mixed With Bird Screeches. Bernard Herrmanns Musik zu PSYCHO. In: Ed Gein: A Quiet Man. Farin, Michael und Hans Schmid (Hrsg.). München: belleville Verlag, 1996, S.105-113. Hier S. 105.

[3] Vgl. Prendergast, Roy M.: Film Music – A Neglected Art. A Critical Study of Music in Films. Second edition. New York & London: W.W. Norton & Company, 1992., S. 133.

[4] Vgl. Smith, S.: a.a.O., S. 237.

[5] Vgl. Willmann, T.: a.a.O.,S. 106.

[6] Vgl. Ebd, S. 107 ff. Willmann geht dabei sehr detailliert auf die einzelnen Funktionen ein, daher werden sie hier jetzt nicht weiter ausgeführt.

[7] Brown, Royal S.: Herrmann, Hitchcock, And The Music Of The Irrational. In: Film Theory And Criticism. Gerald Mast und Mashall Cohen (Hrsg.). New York: Oxford University Press, 1985, S. 618-649, hier S. 640.

[8] Willmann, T.: a.a.O.,S. 111.

[9] Zit. b. Prendergast, R.: a.a.O., S. 144.

[10] Vgl. Smith, S.: a.a.O., S. 239 f.

Alle Bilder: © Universal Studios, All rights reserved.


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